US-Deserteure im Irakkrieg
In der NEON vom August 2006 gibt es einen sehr interessanten Hintergrundartikel über desertierende US-Soldaten, die im Irakkrieg eingesetzt waren, und die Rekrutierungsmethoden der US-Armee. Hier eine “kurze” Inhaltsangabe:
Je länger der Irakkrieg dauert desto mehr US-Soldaten desertieren. Laut „War-Resisters“, einer Vereinigung von Deserteuren im Exil, gibt es 8000 Irakkriegsdeserteure.
Viele von ihnen flüchten während ihres Fronturlaubs über die grüne Grenze nach Kanada wo sie Asyl beantragen. Sie versuchen, als politische Flüchtlinge anerkannt zu werden jedoch oftmals ohne Erfolg. Kanadas Stellung in dieser Sache ist zwiespältig: Einerseits ist die Friedensbewegung dort gross und benutzt Deserteure aus den USA gern als Aushängeschild. Die War-Resisters haben ein enges Netz aufgebaut, welches US-Soldaten hilft, zeitweilig Unterschlupf in Kanada zu finden. Andererseits wäre die Anerkennung von fahnenflüchtigen US-Soldaten als politische Flüchtlinge ein Affront gegen die US-Regierung. Die kanadische Regierung duldet die „Deserteure“, stellt ihnen teilweise sogar eine Arbeitserlaubnis aus, scheut aber vor einer klaren Entscheidung, die den mächtigen Nachbarn verärgern könnte, zurück. Eine klarere Haltung vertrat sie zu Zeiten des Vietnamkrieges, wo 50 000 US-Soldaten in Kanada Zuflucht fanden.
Im Gegensatz zu heute galt damals in den USA die Wehrpflicht, wohingegen die amerikanische Armee heute aus Berufssoldaten besteht. Aus diesem Grund stoszen fahnenflüchtige US-Soldaten heute auf weit weniger Solidarität. Schaut man sich aber die Beweggründe der Einzelnen für den Eintritt in den Militärdienst an, so stellt man fest, dass sich die meisten aus einer materiellen und/oder sozialen Notsituation heraus dem Dienst an der Waffe verpflichtet haben. Viele verpflichten sich, um Geld für ein Studium zu verdienen. Andere werden direkt von High Schools in sozial schwachen Gegenden oder aus Jugendgefängnissen rekrutiert. Neben dem Geld, das den Jugendlichen geboten wird, sehen viele den Militärdienst als einzige Chance an, etwas aus ihrem Leben zu machen. Armeeanwärtern, z.B., winkt eine frühere Entlassung aus dem Gefängnis und die Ausbildung beim Militär ist nicht nur kostenlos, sondern wird sogar sehr gut bezahlt.
Die US-Armee sucht, nachdem der Irakkrieg sehr viel länger dauert als geplant, händeringend nach neuen Anwärtern. Die Rekrutierer versprechen den Jugendlichen oft eine steile Karriere ohne Risiken. So wird ihnen z.B. versprochen, nur innerhalb der USA eingesetzt zu werden. Im Kleingedruckten der Verträge aber, die die zukünftigen US-Soldaten (oftmals quasi noch Kinder) unterschreiben, findet sich eine Klausel, die besagt, dass nichts von dem was der Rekrutierer bei der Anwerbung versprochen hat, rechtswirksam ist.
Viele der fahnenflüchtigen US-Soldaten geben dieselben Beweggründe vor, die sie dazu brachten, nach Kanada zu desertieren: Sie wurden im Irak mit einem Krieg konfrontiert, der zulasten der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Die Soldaten mussten auf friedliche Demonstranten und Zivilisten schiessen. Ihr Auftrag bestand darin, Privatwohnungen zu verwüsten und Zivilisten als Geiseln zu nehmen. Obwohl viele der „Deserteure“ bis heute eine patriotische Einstellung zu den USA haben, konnten sie dies nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren und haben eine mutige Entscheidung getroffen.
Quelle: „Der brennende Soldat“, NEON August 2006, S. 24 – 30
Weiterführender Link: Die Flucht nach Kanada






